Steinewerfen zu Bob-Marley-Musik

Die Insel Jamaika liegt zwar in einem anderen Ozean, trotzdem ist Reggae gross auf den Salomonen. Die drei FM-Stationen senden tagein tagaus einheimische Bands, aber auch Klassiker von Bob Marley über den Äther, während Honiaras Jugend in rot-gelb-grünen Wollmützen den 31 Grad Tropenhitze trotzt. Kein Wunder also, ist das Konzert von Julian Marley, seines Zeichens Sohn der Reggae-Legende, seit Monaten das Thema in der Stadt. ...

Das kann ich mir nicht entgehen lassen, und so stehe ich an diesem Mittwochnachmittag pünktlich auf dem Rugbyfeld mit Bühne. Es ist 15 Uhr, als  der 38-jährige Julian Marley, optisch eine etwas bleichere und dünnere Kopie seines berühmten Vaters, an diesem Mittwochnachmittag auf die Bühne tritt. Veranstaltungen in Honiara finden wegen mangelnden Beleuchtungsmöglichkeiten und Sicherheitsbedenken meist so früh statt.

Ich fühle mich  zu Beginn sicher in mitten von 1000 Zuschauern und 400 Sicherheitsleuten in blauen Hemden, während rund um die schwarzen Plastikblachen, der das Gelände umschliessen, auf Bäumen und einem Hügel, bestimmt nochmals 500 Zahlungsunwillige dem Spektakel folgen.

Dann aber werden die Zaungäste selbst zum Spektakel. Wie bei anderen Gelegenheiten erprobt, versuchen sie nach rund 20 Minuten den Zaun niederzureissen, um gratis Eintritt zu erlangen. Die 400 Security bilden eine Wand, verunmöglichen das. Also beginnen die ungebetenen Gäste, zumeist Jugendliche, Steine zu werfen. Steine, welche die Sicherheitskräfte umgehend zurückschmeissen.

So wird die letzte Stunde des Konzertes zu einem surrealen Erlebnis. Schaue ich nach vorne, höre ich Julian ungerührt den berühmten Song seines Vaters „One Love“ trällern. Drehe ich den Kopf nach links, sehe ich fliegende Steine, und gar eine kleine Baracke, die in Rauch aufgeht. Mit Schildern bewaffnete Polizisten müssen einschreiten, während das Publikum Julian zur Zugabe auffordert.

Am nächsten Tag wird mir beim Lesen des „Solomon Star“ die ganze Tragweite bewusst. 13 Sicherheitskräfte, drei Randalierer und zwei Zuschauer mussten sich im Spital behandeln lassen. Die Veranstalter verteidigen den Eintrittspreis mit dem Argument, dass wer in den zweieinhalb Monaten seit Bekanntwerden des Konzerts jeden Tag zwei Salomonendollar auf die Seite gelegt (umgerechnet 20 Rappen oder ein Pack chinesische Billignudeln), das Billet erspart hätte. Der Kommentator der Zeitung wiederum schreibt mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die damit einhergehende Perspektivenlosigkeit: „Das hat ja so kommen müssen“.

Ich denke an die Schweiz, an den ersten Mai und daran, dass auch Wohlstand nicht vor Krawallen schützt. Und frage mich: Was wird erst, wenn Shaggy im Februar nach Honiara kommt? 

 

Dieser Text ist am 15.01.2014 als Kolumne in der Zürichsee-Zeitung erschienen: Zum Artikelarchiv

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Hallo, willkommen auf meiner Homepage. Mein Name ist Elio Stamm, ich bin ein Freier Journalist und Filmmacher aus der Schweiz. Nach etwas mehr als einem Jahr auf den Salomoninseln in der Südsee bin ich nun in Westafrika zuhause. Accra, die pulsierende Hauptstadt Ghanas ist meine Basis.

 

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